In dieser Folge spreche ich mit Marc Hagenbeck. Er ist Ermittler und forensischer Interviewer und war sechs Jahre für ein grosses amerikanisches Versandunternehmen tätig. Wenn in einer Firma Ware oder Informationen verschwinden, kommt er am Ende der Ermittlung ins Spiel und führt das abschliessende Gespräch mit der Person, die eine falsche Entscheidung getroffen hat.
„Als Menschen blocken wir ab, wenn uns jemand anschreit.“ (Marc Hagenbeck)
Bei der Bundeswehr hat er Kommandospezialkräfte im Verhörtraining befragt: 24 Stunden lang, unter Stress, mit Anschreien. Kaum jemand hat mehr verraten als Name, Dienstgrad und Kennnummer. Was dagegen wirkt ist die non-konfrontative Gesprächsführung. Statt Druck braucht es Vertrauen, Rapport und Verständnis. Nicht für die Tat, aber für die Situation, in der die Person steckt.
„Ich kann von oben ins Loch hinunterschauen und urteilen. Oder ich steige hinunter und reiche ihm die Hand.“ (Marc Hagenbeck)
3 Dinge, die ich aus dem Gespräch mitgenommen habe:
Im Interview geht es nicht um das Geständnis: In rund 90 % der Fälle ist vor dem Gespräch schon klar, was passiert ist. Spannend ist alles andere: Wie ging die Person vor? Was hat ihr die Tat erleichtert, was erschwert? Wo ist die Ware gelandet? Und vor allem: Gibt es weitere Beteiligte im Unternehmen? Wer jemanden einfach vom Hof jagt und die Polizei ruft, verliert genau diese Informationen.
Fast niemand fängt an, um zu stehlen: Laut Marc treten 99,9 % der Mitarbeitenden eine Stelle ohne böse Absicht an. Kritisch wird es durch Unzufriedenheit, etwa wenn jemand seit Jahren gute Arbeit leistet und nie anerkannt wird. Dazu kommen finanzieller Druck durch Scheidung oder Krankheit und schlicht Gelegenheit. Prävention heisst deshalb auch: Mitarbeitende wahrnehmen, nachfragen, wenn es jemandem nicht gut geht, und auch Temporärangestellte einbeziehen.
Eine einzelne Geste verrät keine Lüge: Ein Griff an die Nase beweist gar nichts, vielleicht juckt sie einfach. Entscheidend ist die Baseline, also wie sich jemand verhält, wenn er entspannt ist. Erst Abweichungen davon sind ein Hinweis. Und auch die können täuschen: Eine befragte Person, die auffällig nervös reagierte, hatte in derselben Woche ihren Vater beerdigt. Micro-Expressions zu erkennen, hält Marc für einen Mythos aus dem Fernsehen.
Das Ganze war gewürzt mit spannenden Geschichten aus Marcs Nähkästchen:
Von 15 Minuten Fachsimpeln über Metallica und Iron Maiden mitten im Interview über einen gut verdienenden IT-Leiter, der auf Firmenkosten heimlich Benzinkanister füllte, bis zur Suche nach Kriegsverbrechern im ehemaligen Jugoslawien!
Und dann ist Marc auch noch Mentalist. An Firmenevents zeigt er, wie man Entscheidungen beeinflusst und Körpersprache liest. Gerade weil er weiss, wie Manipulation funktioniert, kann er sie in seinen Interviews bewusst vermeiden. Mit seinem Publikum hat er eine stille Abmachung: Er tut 45 Minuten so, als könnte er Gedanken lesen. Und das Publikum tut so, als würde es ihm glauben.
Ein paar Auszüge aus dem Gespräch:
„Wir müssen Buddies sein.“
„Ein einziges Anzeichen ist noch kein Indiz für eine Lüge.“
„Die Polizei macht das nicht für dich.“
„Ich bin nicht der Cleaner. Ich bin der, der herausfindet, was passiert ist.“
„Hier kommt der Spoiler: Kein Mensch auf der Welt kann Gedanken lesen.“
Zum Abschluss erklärt Marc den Unterschied zum Social Engineering: Dort wird dasselbe Vertrauen aufgebaut, aber nur gespielt. „Mein Interesse ist echt. Mein Mitgefühl ist echt.“
Sein Tipp: Wachsam bleiben und hinterfragen, warum jemand gerade so nett zu einem ist. Besonders jetzt, wo 15 Sekunden Audio reichen, um eine Stimme zu klonen.
Bis bald!
Jill
Hier findet ihr Marc:
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/marc-hagenbeck-a22140144/
Website: https://marc-hagenbeck.com/
P.s. Marc hat unterdessen einen Verlag gefunden und das Buch wird bald publiziert!
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