In meinem Alltag spreche ich oft über die Risiken der digitalen Welt und darüber, wie man sich schützen kann. Ein Thema, das dabei immer häufiger aufkommt, sind Deepfakes und technische Mittel, die es vereinfachen, jemanden auszuspionieren, zu filmen und die Bilder ohne Einwilligung zu verwenden.
Aufgrund meines Hintergrunds in der Wirtschaftspsychologie werde ich oft nach dem „Wieso“ gefragt. Wieso machen Täter das? Was sind ihre Beweggründe? Und kann man sich schützen?
Da dies den Rahmen eines Wirtschaftspsychologie-Studiums übersteigt und eher in die Tiefen der Psychologie vordringt, mich aber trotzdem interessiert, möchte ich es in diesem Artikel beleuchten.
MetaGlasses, Deepfakes, Stalkerware, Spionageapps, OSINT & Tracker: Welche Techniken werden heute genutzt
Wer erstellt heute Deepfakes und was ist ihr Ursprung
Fall Ulmen & Collien Fernandes
Ab wann ist etwas digitale Gewalt und wie kann man sich schützen?
Motive und Täterverhalten: Dunkle Tetrade, Macht / Kontrolle, Sexuelle Objektifizierung, Sadismus, Online-Disinhibition-Effekt
Einleitung: Das Phänomen, Fallzahlen
Als ich zum ersten Mal im privaten Umfeld mit dieser Thematik in Kontakt kam, war ich überrascht, wie weitreichend der Begriff der digitalen Gewalt ist. Irgendwie finde ich es auch schockierend, dass ich erst so spät erfahren habe, dass vieles, was mir und Personen in meinem Umfeld schon begegnet ist, sogar strafbar wäre und das wissen nur wenige.
Es lohnt sich also, sich mit diesem Thema aktiv auseinanderzusetzen, da viele Handlungen, von denen besonders oft Frauen im partnerschaftlichen, familiären oder digitalen Kontext betroffen sind, sowohl im echten Leben als auch online strafrechtlich verfolgt werden können.
Hervorheben möchte ich besonders, dass in der Schweiz seit diesem Jahr eine Gesetzeslücke zu Cyberstalking und Stalking geschlossen wurde und ein eigener Straftatbestand eingeführt wurde. Steigerlegal.ch zitiert auf seiner Webseite das Bundesamt und die Definition von „Nachstellung“ des Straftatbestandes.
Strafrechtlich relevant können ganz unterschiedliche Handlungen sein. Beispielsweise kann es sich um eine Straftat handeln:
Wenn jemand wiederholt unerwünschte Nachrichten verschickt,
eine Person über verschiedene Accounts verfolgt,
ihren Standort heimlich überwacht oder sie massiv unter Druck setzt.
Öffentliches Beschimpfen einer Person,
das gezielte Verbreiten rufschädigender Behauptungen
oder das bewusste Streuen von Unwahrheiten
Es wird besonders problematisch, wenn Technologie dazu genutzt wird, Kontrolle auszuüben. Dazu zählen heimlich installierte Spionage- oder Tracking-Apps, das Verbreiten intimer Aufnahmen ohne Zustimmung der betroffenen Person sowie das unerwünschte Zusenden sexueller Inhalte. Ein Beispiel hierfür sind Dickpics:
Die Beispiele zeigen, wie breit das Spektrum digitaler Gewalt sein kann. Gerade weil vieles davon über das Smartphone oder soziale Medien geschieht, kann es schnell alltäglich wirken. Dadurch ist oft nicht unmittelbar erkennbar, wann eine Grenze nicht nur persönlich, sondern möglicherweise auch rechtlich überschritten wird.
Betroffenheit und Zahlen
98 % aller Deepfake-Videos im Internet sind pornografisch, 99 % der darin gezeigten Personen sind Frauen und zwischen 2019 und 2023 hat sich die Zahl der Deepfakes im Internet um 550 % erhöht. Diese Zahlen stammen aus dem Report „State of Deepfakes 2023“ und wurden im Februar 2026 von der Faktenprüforganisation FactCheckNI als zutreffend bestätigt.
Studien zufolge sind Frauen häufiger von sexuellen Übergriffen, sexueller Belästigung und Stalking betroffen.
Und dann rät der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Dirk Peglow, Frauen auch noch, „keine Beziehung zu einem Mann einzugehen“:
Jeden Tag werden mindestens zwei Frauen oder Mädchen Opfer eines versuchten oder vollendeten Tötungsdelikts. Wenn man nicht einmal den Nächsten trauen kann, wie sieht es dann mit Fremden und im virtuellen Raum aus?
Die Werkzeuge: Smartglasses, Deepfakes, Stalkerware, Spionageapps, OSINT & Tracker
Technologie an sich ist selten böse. Die meisten Werkzeuge, die heute für digitale Gewalt genutzt werden, wurden ursprünglich entwickelt, um unser Leben sicherer, praktischer oder unterhaltsamer zu machen. Nützliche Tools und Software werden von Tätern jedoch umfunktioniert und gezielt als Waffen eingesetzt.
Hardware: Die physische Überwachung
Smartglasses, auch „Pervert-Glasses“ genannt
Das erste Mal, als ich von den Smartglasses gehört habe, war es in keinem vorteilhaften Kontext. Vielleicht zuerst einmal, was Smartglasses sind: Es handelt sich um Brillen mit integrierter Computertechnologie, die digitale Informationen direkt im Sichtfeld der Nutzerin bzw. des Nutzers anzeigen. Sie können Benachrichtigungen einblenden, Navigationsanweisungen anzeigen, Fotos und Videos aufnehmen oder Telefonate führen, ohne dass man das Smartphone in die Hand nehmen muss.
Die Brillen nehmen alles aus der Perspektive der tragenden Person auf. Sie werden aktuell hitzig diskutiert, da sie den Datenschutz aller ohne Einwilligung gefilmten Personen gefährden. In Studien wird in diesem Zusammenhang auch von „Ambient Capture“ gesprochen.
Die University of Sydney hat im August 2026 rund 350 öffentliche Instagram-Videos aus Pick-up-Artist-Communities ausgewertet. Darin wird das Ambient Capture beschrieben: das beiläufige, für Umstehende nicht erkennbare Filmen in Alltagssituationen. Im Gegensatz zu Smartphones geben Smart Glasses dabei kein deutliches Signal.
Eine Frau wurde beim Lift angesprochen von einem Mann, der sie dabei heimlich mit seiner Smartglass filmte. Die 21-jährige Dilara war in ihrer Mittagspause. Der Mann hatte bereits Dutzende solcher heimlich gefilmten Videos veröffentlicht, in denen er anderen Männern zeigt, wie man Frauen anspricht.
Das Video mit ihr wurde auf TikTok 1,3 Millionen Mal angeschaut. Ihre Telefonnummer war darin sichtbar, danach wurde sie mit Anrufen und Nachrichten überschüttet.
Die Sachverhalte der berichteten Fälle sind unterschiedlich, aber dabei werden Frauen meist ohne ihre Einwilligung von Männern gefilmt.
Die Sachlagen der berichteten Fälle sind unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen, dass Frauen von Männern ohne ihre Einwilligung gefilmt werden. Wer die Nummer nicht herausgibt, landet in manchen Fällen als „Rache“ in den sozialen Medien. In Einzelfällen wurde für das Löschen eines Videos sogar Geld verlangt.
Das zweite Mal, als mir das Thema auffiel, war, als zwei Harvard-Studenten einen Weg fanden, Leute anhand einer Personensuche in Echtzeit live zu identifizieren. Sie konnten die Personen dann auf der Strasse ansprechen und sie davon überzeugen, dass sie sich kennen müssten, da ihnen so viel Kontextwissen zur Verfügung stand.
Inzwischen verfügen die Meta-Glasses selbst über die Fähigkeit, Personen anhand ihrer Gesichter direkt zu identifizieren.
Sicherheitsforscher entdeckten im Code der Meta-AI-Companion-App ungenutzten Programmiercode für eine Funktion namens „NameTag“. Das System war dazu gedacht, Gesichter in biometrische Daten umzuwandeln und diese mit Profilen abzugleichen. Nach öffentlicher Kritik und Protesten von Bürgerrechtlern hat Meta diesen Code mit einem App-Update vollständig entfernt. Bis jetzt.
Auch in Schulen etablieren sich Smartglasses als Belästigungsinstrument. Dies scheint von den erwachsenen „Pick-up-Artist“-Vorbildern beeinflusst zu sein.
Eine Recherche des US-Magazins „Futurism” aus dem August 2026 hat auf den Plattformen TikTok und Instagram eine grosse Zahl von Videos entdeckt, die an Mittel- und Oberschulen mit Smartglasses aufgenommen wurden, fast immer mit der KI-Brille von Meta.
In dem Artikel wird ein Junge erwähnt, der ein Mädchen anspricht, nach ihrer Telefonnummer oder ihrem Social-Media-Handle fragt, nicht aufhört, auch wenn sie sich sichtbar unwohl fühlt, und das Material anschließend online stellt. Ein Schüler mit über 64’000 Followern filmt gezielt Mitschülerinnen, macht sich über ihr Aussehen lustig und hört auch dann nicht auf, wenn sie ihn darum bitten, damit aufzuhören. So wird aus einem Übergriff im Schulflur ein zweiter Übergriff in den Kommentarspalten.
Kompakte Tracker (z.B. Apple AirTags)
Ursprünglich entwickelt, um verlorene Schlüsselbunde wiederzufinden, haben sich Bluetooth-Tracker zu einem äusserst günstigen Werkzeug für Stalking entwickelt. Für wenige Franken oder Euro lassen sich die münzgrossen Sender in Handtaschen, Mantelfutternäcken oder Autos verstecken. Sie ermöglichen eine präzise Standortverfolgung, ohne dass der Täter teure Spionagetechnik kaufen muss. Eine Auswertung für England und Wales zeigt, wie stark das zunimmt: Zwischen 2018 und 2024 stiegen die polizeilich erfassten Stalking-Fälle mit AirTags und GPS-Trackern von 57 auf 568.
Software: Die digitale Infiltration
Während die Hardware die physische Welt überwacht, dringt die Software tief in die Intimsphäre der eigenen Geräte ein.
Deepfakes, Nudifying-Apps
Der Begriff „Deepfake“ entstand Ende 2017 im US-amerikanischen Netzwerk Reddit. Ein anonymer Nutzer mit dem Namen „deepfakes“ veröffentlichte dort Pornovideos, in die er mithilfe frei verfügbarer KI-Werkzeuge die Gesichter bekannter Schauspielerinnen wie Gal Gadot, Scarlett Johansson, Maisie Williams und Taylor Swift hineinrechnete.
Wenige Wochen später entwickelte ein anderer Nutzer eine App, die dasselbe ohne Programmierkenntnisse ermöglichte. Die Technologie wurde somit von Beginn an für sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Form von Bildmanipulationen genutzt.
Als Deepfakes werden gefälschte Videos oder Bilder definiert, die mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) erstellt werden. Der Begriff setzt sich aus den Worten „Deep Learning“ (einer Methode der KI) und „Fake“ (Fälschung) zusammen.
Es gibt drei Hauptarten von Deepfakes:
Face-Swap (Gesichtstausch): Das Gesicht einer Person wird auf den Körper einer anderen Person in einem Video montiert.
Lip-Sync (Mundsynchronisation): Die Lippenbewegungen einer Person werden so verändert, dass sie exakt zu einer eingespielten Tonaufnahme passen.
Puppeteering (Marionette): Eine Zielperson wird wie eine Puppe von einer anderen Person (dem „Master“) gesteuert, indem deren Mimik, Kopf- und Augenbewegungen live übertragen werden.
Manche Deepfakes können erheblichen Schaden anrichten, insbesondere auf folgende Weise:
Erpresserische Deepfakes: Täuschen intime Situationen (z.B. sexuelle Handlungen) vor, um Geld oder sensible Inhalte zu erpressen.
Betrügerische Deepfakes: Missbrauchen fremde Identitäten für gefälschte Werbung oder Liebesbetrug (Romance Scam).
Desinformierende Deepfakes: Verbreiten Falschinformationen im Internet, um die öffentliche Meinung zu Politik, Wahlen, Kriegen oder Gesundheit zu manipulieren.
Apps, die vorwiegend Frauen ausziehen („Nudifying-Apps“), sind teilweise im regulären App-Store erhältlich:
Die im Rahmen einer Recherche gefundenen Nudify-Apps wurden insgesamt 483 Millionen Mal heruntergeladen und erzielten einen Umsatz von über 122 Millionen Dollar. 31 dieser Apps waren für Minderjährige freigegeben. Im Januar 2026 zählte das Tech Transparency Project 55 solcher Apps im App Store.
Der obige Artikel zeigt, dass Google und Apple zwar erklären, gegen solche Apps vorzugehen, aber keine neutralen Plattformen sind. Sie lassen bezahlte Anzeigen für „Auszieh-Apps” zu und verdienen an deren Umsätzen mit.
In diesem Zusammenhang stelle ich mir auch die Frage, welche legale und wichtige Nutzung solche Apps überhaupt haben, wer sie nutzt und die ihre Existenz rechtfertigt.
Wer erstellt heute Deepfakes
Früher dachte man, gefälschte Videos (Deepfakes) seien nur ein kleines Problem. Man glaubte, nur wenige Menschen mit viel Computerwissen würden so etwas zum Spass machen. Eine Untersuchung von Forschern aus dem Jahr 2025 zeigt jedoch ein anderes Bild:
Es wurden ca. 43’000 gefälschte Videos gefunden
In den Videos wurden 3 800 echte Menschen hineingeschnitten
Diese Videos wurden insgesamt über 1,5 Milliarden Mal angeschaut
Fast alle Opfer (über 95 %) sind Frauen
Am häufigsten betrifft es bekannte Schauspielerinnen und Musikerinnen
Videos werden auf Bestellung angefertigt. Obwohl die Plattform offiziell nur Prominente zulässt, finden sich Hunderte Betroffene darunter, die gar keine Öffentlichkeit haben.
Zusammen mit den Nudify-Apps bedeutet das: Heute können praktisch alle, die ein Smartphone besitzen, solche Inhalte erstellen.
Stalkerware, Spionageapps
Stalkerware ist eine Spionage-Software für Smartphones, die im Hintergrund unbemerkt läuft. Sie lässt sich wie eine normale App installieren und ermöglicht es Tätern, das gesamte Gerät aus der Ferne zu überwachen, von Standorten über Nachrichten bis hin zu Anrufen.
Meist wird sie als Kinderschutz- oder Mitarbeiterüberwachungssoftware verkauft. Durch diese Umdeklarierung ist es möglich, solche Programme legal zu kaufen: Nach dieser Logik macht sich nur strafbar, wer sie heimlich einsetzt, nicht jedoch, wer sie anbietet.
Kaspersky 2026: 46 % der Befragten erlebten innerhalb von 12 Monaten mindestens eine Form des technikgestützten Missbrauchs. Nur 32 % von ihnen verstanden den Begriff korrekt. Über 34’000 Nutzende waren 2024/25 von Stalkerware betroffen, in über 160 Ländern.
OSINT
Oft nutzen Täter völlig frei zugängliche Daten, um Opfer zu verfolgen. Dazu reichen bereits harmlose Social-Media-Posts, Urlaubsfotos mit erkennbarem Hintergrund oder öffentlich geteilte Laufstrecken in Fitness-Apps wie Strava. Aus diesen Puzzleteilen lassen sich tagesgenaue Bewegungsprofile und Verhaltensmuster erstellen, ohne dass der Täter auch nur ein einziges Passwort knacken muss.
Das Fazit
Die Gefahr dieser Werkzeuge liegt in ihrer Unscheinbarkeit. Da es sich um normale Gebrauchsgegenstände und gängige Apps handelt, erkennen Betroffene die Überwachung oft erst spät. Täter können ihr Verhalten zudem leicht als „Sorge“ oder „Vergesslichkeit“ tarnen.
Die Täter-Psychologie (Dunkle Triade, Kontrollwahn, Online-Enthemmung)
Ein Fall, der kürzlich Aufsehen erregte, war der Fall Ulmen und Fernandes. Der Spiegel veröffentlichte im März 2026 den Text „Du hast mich virtuell vergewaltigt“. Die Schauspielerin Collien Fernandes schildert darin, dass jahrelang gefälschte Pornobilder und -videos von ihr im Netz kursierten und Fake-Accounts in ihrem Namen sexuelle Chats mit Männern führten, teilweise bis hin zu Telefonsex mit einer KI-generierten Stimme. Sie ging ursprünglich davon aus, dass Internettrolle dahinterstecken. Ihr eigener Mann Christian Ulmen hat ihr Ende 2024 gestanden, dass er die anzüglichen Fotos von ihr verbreitet hatte. Bei einigen Interviews war auch von Deepfakes die Rede.
Unabhängig davon, was am Ende juristisch übrig bleibt, beschreibt Fernandes in dem Artikel ein durchgehendes Muster, das auf einem tiefen Macht- und Kontrollbedürfnis basiert. Sie schildert auch Gewalt in der physischen Welt. Der Fall illustriert eindrücklich, dass digitaler Missbrauch eher ein Symptom tiefsitzender psychologischer Dynamiken ist, bei denen digitale Werkzeuge als Verstärker fungieren.
Warum erstellt jemand sexuelle Deepfakes, betreibt digitales Stalking oder verbreitet unerlaubt intime Bilder?
Die Forschung zur Täterpsychologie zeigt ein Geflecht aus Persönlichkeitsmerkmalen, Einstellungen, emotionalen Problemen, Beziehungskonflikten und Machtmotiven.
Die Persönlichkeit der Täter: The Dark Tetrad
Die Dark-Tetrad-Merkmale (Machiavellismus, Narzissmus, Psychopathie und Sadismus) stehen im Zusammenhang mit Cyberstalking.
Machiavellismus: Skrupellose Manipulation und Kaltblütigkeit
Narzissmus: Ein übersteigertes Ego, gepaart mit einer extremen Empfindlichkeit gegenüber Kränkungen
Psychopathie: Mangelnde Empathie, Impulsivität und Gewissenlosigkeit
Sadismus: Das bewusste Geniessen des Leids anderer
Studien zu Cyberstalking und bildbasierter sexualisierter Gewalt finden Zusammenhänge mit mehreren dieser Merkmale.
Eine Studie zeigte, dass Machiavellismus und Psychopathie mit einer höheren Bereitschaft zu sexualisierter Gewalt in Form von Bildern einhergehen. Eine wichtige Rolle spielte dabei die moralische Entkopplung: Täter können ihr Verhalten vor sich selbst verharmlosen oder dem Opfer die Verantwortung zuschieben. Beispielsweise mit der Begründung: „Sie hätte mir das Bild eben nicht schicken dürfen.“
Sadismus und narzisstische Rivalität führen dazu, dass Täter Online-Belästigung und digitale sexuelle Gewalt als erregend oder belustigend empfinden. Das erklärt, warum Angriffe trotz des sichtbaren Leidens der Betroffenen weitergehen.
Nicht jede Person mit einem dieser Persönlichkeitsmerkmale ist jedoch ein Stalker und nicht jede:r Stalker:in hat eine „Dark Tetrad“-Persönlichkeit. Eine Befragung in Grossbritannien ergab, dass 42 % der Befragten es für akzeptabel halten, den Partner ohne dessen Einwilligung digital zu überwachen.
Macht und Kontrolle
Insbesondere bei Stalking durch Ex-Partner stehen häufig Macht und Kontrolle im Vordergrund. Eine Trennung bedeutet den Verlust von Nähe und Einfluss. Der Mechanismus kann sich in permanenten Nachrichten, der Überwachung sozialer Medien, dem Zugriff auf Accounts, Standortkontrolle oder der Drohung, intime Inhalte zu veröffentlichen, zeigen.
5 Stalkertypen
Es werden 5 Stalker-Typen unterschieden:
„Abgewiesen“
„auf Intimität aus“
„unfähiger Verehrer“
„nachtragend“
„ausbeuterisch“
In einer Untersuchung waren 75 % der Fälle vom Typ „Abgewiesen”, 14 % vom Typ „Nachtragend” und jeweils 3 – 5 % der übrigen Kategorien. Stalking nach Trennungen entspringt oft einer Mischung aus Sehnsucht und Rache. Es ist also kein Liebesbeweis, sondern der Versuch, Macht und Kontrolle zu behalten.
Online-Enthemmungseffekt bei Bildern und Objektifizierung der Person
Ein wichtiger psychologischer Erklärungsansatz ist der von John Suler entwickelte Online-Enthemmungseffekt. Dieser besagt, dass Anonymität, Unsichtbarkeit, räumliche Distanz, minimierte Autorität und die fehlende unmittelbare Reaktion des Gegenübers dazu führen können, dass Menschen online enthemmter handeln als im direkten Kontakt.
Für digitale Gewalt ist diese sichtbare Distanz entscheidend. Wer jemanden persönlich bedroht oder erniedrigt, sieht möglicherweise Angst, Tränen oder Abwehr. Online fehlt diese direkte Rückmeldung jedoch oft.
Viele Täter halten sich nicht für Täter. Gerade bei sexuellen Deepfakes und dem Effekt der Objektifizierung wird diese Logik besonders deutlich. Eine Studie aus dem Jahr 2011 hat mit bildgebenden Verfahren gezeigt: Wenn Männer sexualisierte Bilder von Frauen betrachten, sinkt die Aktivität in genau jenen Hirnarealen, mit deren Hilfe wir anderen Menschen Absichten, Gedanken und ein Innenleben zuschreiben.
Das eigentlich Beunruhigende ist die Normalität
Wenn man nur auf Persönlichkeitsstörungen schaut, übersieht man das grössere Problem. Eine Umfrage von NortonLifeLock ergab, dass 46 % der Befragten angaben, eine aktuelle oder frühere Partnerin ohne deren Wissen online zu kontrollieren, bei den 18- bis 39-Jährigen waren es sogar 60 %. 43 % der Männer, aber nur 27 % der Frauen, fanden Online-Stalking unproblematisch, solange es nicht offline passiere.
Definition & Schutz: Ab wann ist es Gewalt und wie schützen?
Wie eingangs erwähnt, stelle ich im Austausch oft fest, dass vielen das Wissen fehlt, dass das Verhalten, das wir einfach tolerieren, auch Folgen für die Täter haben kann. So hatte ich beispielsweise einen Austausch mit 12- bis 15-jährigen Mädchen in einem Workshop. Mehrere von ihnen bestätigten mir, dass sie schon einmal ein Dickpic oder ähnliche anzügliche Bilder unaufgefordert und ungewollt zugeschickt bekommen haben. Sie waren überrascht, dass man so etwas anzeigen kann und dass es als Belästigung gilt.
Wie netzpigcock.ch erklärt, fällt das unter den Pornografie-Tatbestand und ist verboten. Der Versand an Personen unter 16 Jahren wird zudem härter bestraft. Vielen ist das nicht bewusst, deshalb wird es selten angezeigt. Und die Täter machen weiter.
Nicht jede verletzende, unangenehme oder grenzüberschreitende Handlung im digitalen Raum ist automatisch strafbar. Ob tatsächlich eine Straftat vorliegt, hängt von den Umständen und den jeweiligen gesetzlichen Voraussetzungen ab. Ich bin keine Juristin, dieser Artikel ist keine Rechtsberatung und die Beispiele hier erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wer wissen will, ob im eigenen Fall etwas strafbar ist, klärt das am besten mit einer Beratungsstelle oder einer Anwältin.
Einfache Cyber-Hygiene macht einen Unterschied
Viele Schutzmassnahmen sind wenig aufwendig, hier könnt ihr eine Checkliste herunterladen, um eure Cyberhygiene zu fördern.
Bei sozialen Netzwerken lohnt sich ausserdem ein gelegentlicher Privatsphäre-Check: Wer sieht meine Beiträge? Wer kann mich markieren? Ist meine Freundes- oder Kontaktliste öffentlich? Können Fremde anhand meiner Telefonnummer oder E-Mail-Adresse mein Profil finden?
Smartglasses und Airpods
Es wird zunehmend schwierig bis unmöglich, zu erkennen, wann eine Smart-Brille (oder bald auch die AirPods des Sitznachbarn im Bus) uns aufnimmt.
Eine interessante technische Hilfestellung bietet hier die Android-App „Nearby Glasses”. Sie versucht, Bluetooth-Signale bestimmter Smartglasses in der Umgebung zu erkennen und benachrichtigt uns dann:
Eine solche App kann natürlich keine hundertprozentige Sicherheit bieten. Je weiter die Brillen verbreitet sind, desto schwieriger wird es, ein Signal einer bestimmten Person zuzuordnen.
Unbekannte Tracker und Geräte überprüfen
Wenn der Verdacht besteht, dass Bewegungen überwacht werden, lohnt es sich auch, die eigenen Geräte und die unmittelbare Umgebung zu überprüfen. Smartphones können heute teilweise vor unbekannten Bluetooth-Trackern warnen, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg in der Nähe einer Person befinden. Solche Warnmeldungen sollten nicht einfach weggeklickt werden.
Auch ungewöhnliche Veränderungen am Smartphone können einen genaueren Blick rechtfertigen: unbekannte Apps, unerwartete Freigaben des eigenen Standorts oder Geräte, die plötzlich Zugriff auf ein Benutzerkonto haben. In den Einstellungen wichtiger Konten sollte deshalb regelmässig geprüft werden, welche Geräte angemeldet sind und mit wem Standortinformationen geteilt werden.
Bei Verdacht auf Überwachung den Tracker oder die Spionage-App nicht vorschnell entfernen, um die gewaltausübende Person nicht zu alarmieren, sondern zuerst eine Fachstelle kontaktieren. Und Beweise festhalten, denn ohne sie lässt sich kaum Anzeige erstatten.
Checkliste und Fazit
Eine Checkliste für die digitale Selbstverteidigung könnt ihr hier downloaden:
Technische Schutzmassnahmen sind dabei jedoch nur ein Teil der Lösung. Apps zur Erkennung von Smartglasses oder Trackern sowie sichere Passwörter und Privatsphäre-Einstellungen können Risiken reduzieren. Genauso wichtig ist das Wissen darüber, wo digitale Grenzüberschreitungen beginnen und welche Rechte wir haben, sodass wir nicht alles hinnehmen müssen.
Ich hoffe nicht, dass wir so weit gehen müssen, wie Dirk Peglow es eingangs zugespitzt formuliert hat. Aber ich finde eine gewisse Vorsicht und Prävention angebracht.
Bis bald!
Jill
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