#53 „Dann bin ich ja eh nicht mehr da": Digitale Vorsorge
Unsere Aversion dem Thema Tod gegenüber und was wir tun können
Erst seit dem Tod einer mir nahestehenden Person, habe ich begonnen, mich damit auseinanderzusetzen. Aber auch das immer noch zögerlich. Mir ist aufgefallen, wie wenig das Umfeld tatsächlich über den Alltag einer Person weiss. Ich stand da in der Wohnung, sollte mich um alles kümmern und war völlig überfordert.
Wo werden Papiere oder wichtige Schlüssel aufbewahrt? Wie viele Bankkonten hat diese Person und gibt es Passwörter, oder geschützte Geräte? Auch für mich selbst habe ich mir vorgenommen, praktische Schritte anzugehen, schiebe diese aber doch immer wieder hinaus.
Irgendwie kommt dann auch der Gedanke: „Ja, dann bin ich ja nicht mehr hier, dann ist es mir ja auch egal.“
Theoretisch könnte es aber auch vorher schon einen positiven Effekt haben, wenn ich mich um das Thema kümmere. Wenn ich mich darum kümmere, habe ich mehr Kontrolle über mein Leben. Ich setze mich mit der Frage auseinander, was für mich am Ende zählt, und lerne so meine Werte besser kennen. Man regelt Beziehungen im Umfeld, zeigt ihnen, wie sehr man sie schätzt, und überlässt sie nicht einfach einem „Scherbenhaufen“. Verantwortlichkeiten können geregelt werden. Man hat einen Notfallplan für den Fall, dass es nicht zum Schlimmsten kommt, man aber trotzdem die Hilfe anderer benötigt. Und nicht zuletzt ist es oft so: Wenn man etwas aufschiebt, das man weiss, hätte man es tun sollen, dann belastet es einen umso mehr.
In diesem Artikel geht es um:
Die psychologischen Gründe, warum wir uns nicht mit dem Tod auseinandersetzen
Warum wir keine Vorkehrungen treffen
Lösungen und Herangehensweisen, um die Kontrolle zurückzugewinnen
Gemäss der Schweizer Erbschaftsstudie 2023 hinterlässt nur etwa jede vierte verstorbene Person in der Schweiz ein Testament (ca. 25 %). Die grosse Mehrheit von rund 75 % verstirbt, ohne den Nachlass individuell geregelt zu haben. Zwar gab es während der Corona-Pandemie einen kleinen Aufschwung und kurzzeitig schienen sich mehr Menschen mit dem eigenen Todesfall auseinanderzusetzen, doch dieser Trend scheint bereits wieder vorbei zu sein. Aber wieso ist das so? Warum mögen wir dieses Thema so wenig?
In vielen Kulturen ist dieses Thema mit Tabus und Aberglauben verbunden. Über dieses Thema zu sprechen, könnte Unglück bringen. Es herrscht eine diffuse Angst vor dem Tod, weshalb das Thema vermieden wird. Dadurch beginnen wir, es zu verdrängen.
Intentions-Verhaltens-Gap
Wir geben zwar an, dass uns ein Thema wichtig ist, handeln dann aber doch nicht entsprechend. Das zeigt sich beispielsweise in der Studie, in der 64 % angaben, es sei wichtig, ein Testament zu haben, aber nur etwa 25 % tatsächlich eines erstellen. Dafür kann es viele verschiedene Gründe geben: praktische, mentale, diese sind individuell.
1/Es trifft immer die anderen und der Optimismus-Bias
Theoretisch wissen wir, dass ein Unfall oder ein Schlaganfall jede:n jederzeit treffen kann. Dennoch sagen wir uns: „Mir passiert das nicht.“ Der Psychologe Neil Weinstein hat dies 1980 in einer heute klassischen Studie gezeigt: Er liess Menschen einschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass ihnen bestimmte Dinge zustossen. Fast alle hielten sich für überdurchschnittlich sicher vor Krankheit, Unfall und Unglück. Da per Definition nicht die Mehrheit einer Gruppe „besser als der Durchschnitt“ sein kann, lieferte die Studie den Beweis für eine kollektive Fehlwahrnehmung.
Der Begriff „Optimismus Bias“ wurde durch Tali Sharot bekannt:
In ihrem TED-Talk fragt sie das Publikum gleich zu Beginn nach seiner eigenen Einschätzung. Beispielsweise fragt sie, ob sie zu den unteren oder oberen 25 % gehören, was ihre Autofahr-Fähigkeiten, ihre Sozialverträglichkeit oder ihre Ehrlichkeit betrifft. Natürlich strecken meistens mehr als 25 % der Leute die Hand auf. Was statistisch nicht möglich ist. Wir schätzen uns also im Privaten jeweils sehr optimistisch ein. Tali Sharot fand in ihren Experimenten auch eine spezifische Hirnregion, die für diesen Bias zuständig ist. Dennoch kommt sie zu dem Fazit, dass dieser Bias zwar unser Risikoverhalten erhöhen kann, sie ihn aber immer noch als nützlich empfindet. Wir sollten uns dessen bewusst sein und versuchen, eine gesunde Balance zu finden, um trotzdem vorzusorgen und nicht alles dem Optimismus zu überlassen („just in case“).
Ein optimistischer Blick auf die Dinge ist im Alltag also durchaus nützlich, sonst käme man morgens kaum aus dem Bett. Für eine realistische Vorsorge und um in die Tat zu kommen, müssen wir diesen Effekt jedoch überwinden.
2/„Dann bin ich ja sowieso nicht mehr da“: Gegenwarts-Bias
Der Gedanke „Dann bin ich ja sowieso nicht mehr da, also ist es mir egal“ ist mir selbst schon durch den Kopf gegangen. Ein Effekt, der hier mitspielt, ist der Gegenwarts-Bias. Wir gewichten, was heute passiert, als wertvoller als das ferne Unbekannte. Die Kosten fallen bei der Vorsorge also heute an, der Nutzen jedoch erst zu einem unbekannten Zeitpunkt in der Zukunft. Und er fällt sogar bei anderen Menschen an, nicht bei mir.
3/Wegschauen: Ostrich-Effekt
Wenn wir unseren Bankkontostand nicht prüfen, müssen wir nicht wissen, wie schlecht er steht. Darum prüfen wir erst gar nicht nach. Das beschreibt den Ostrich-Effekt ziemlich gut. Wir meiden Informationen, die eigentlich nützlich und verfügbar wären, da sie negative Gefühle auslösen können.
Vorsorge zwingt uns dazu, uns mit Dingen auseinanderzusetzen, vor denen wir sonst die Augen verschliessen würden. Man muss sich beispielsweise vorstellen, wie es wäre, wenn die Entscheidung darüber gefällt würde, ob wir kremiert werden oder ein Grab wollen. Oder ob wir lebenserhaltende Massnahmen erhalten sollten und wer was erhält, nachdem wir weg sind.
Weitere Effekte, die reinspielen, sind:
Wir denken beispielsweise, dass wir uns sagen, dass wir ja sowieso nichts zu vererben haben. Oder es gibt soziale Effekte, bei denen alle so tun, als wäre alles gut, und das Thema wird einfach nicht angesprochen. Und weitere:
Status-Quo-Bias: Die Tendenz, den aktuellen Zustand beizubehalten und Veränderungen zu scheuen. Ein Beispiel hierfür ist: „Ich kümmere mich darum, wenn es mir schlechter geht. Im Moment läuft ja alles super.“
Omission Bias: Die Neigung, durch Unterlassung verursachte Schäden als weniger schlimm zu empfinden als durch aktives Handeln verursachte Schäden. „Was, wenn ich beim Ausfüllen der Patientenverfügung einen Fehler mache? Ich lasse es lieber bleiben, wie es ist.“
Complexity Bias: Bezeichnet die Tendenz, bei komplizierten Themen lieber gar nichts zu tun oder nach unnötig komplizierten Lösungen zu suchen, anstatt einfache Schritte zu gehen. Ein Beispiel: „Bevor ich mein Geld anlege, muss ich erst die gesamte Weltwirtschaft verstehen, sonst macht das keinen Sinn.“
Choice Overload: Die Lähmung, die entsteht, wenn zu viele Optionen zur Verfügung stehen. „Es gibt so viele unterschiedliche Vorlagen für Vorsorgevollmachten im Internet, dass ich gar nicht weiss, welche die richtige für mich ist.“
Was hilft? Es geht gar nicht um den Tod.
Mir hilft es, das Ganze von einer anderen Seite zu betrachten. Für mich bedeutet Vorsorge, dass ich für das „Just-in-Case“-Szenario vorbereitet bin. Dabei denke ich auch an meine Liebsten und Nächsten, denn es ist schlimm genug, jemanden zu verlieren. Dann kann man ihnen persönliches Chaos, Unklarheiten und Entscheidungsparalysen ersparen. Es kann auch helfen, die eigenen Ziele, die eigene Einstellung und die eigenen Werte noch klarer zu verstehen. Es ist also nicht dasselbe, ob man den Tod fürchtet oder über ihn nachdenkt.
Beruhigend ist auch, dass solche Gespräche Menschen nicht depressiv machen. Das wurde untersucht, da viele Menschen diese Befürchtung haben. Die befürchtete Nebenwirkung existiert schlicht nicht.
Die gute Nachricht: Je älter wir werden, desto eher widmen wir uns dem Thema.
Zu den Faktoren, die uns dazu veranlassen, uns doch einmal diesem Thema zu widmen, gehört einerseits das Älterwerden. Weitere Faktoren sind einschneidende Lebensereignisse und Krankheiten, wie beispielsweise der plötzliche Anstieg von Corona-Fällen. Hinzu kommen runde Geburtstage, einfach gestaltete Prozesse und, was ich am coolsten finde, Peer-Effekte. Das heisst, wir können unser Umfeld inspirieren, sich damit auseinanderzusetzen, wenn wir ihnen davon erzählen.
Digitale Vorsorge: 3 Punkte
Letztendlich wird vieles von praktischen Fragen abhängen. Unser Nachlass ist in den letzten zwanzig Jahren umgezogen. Früher befand sich das Wesentliche in einem Ordner im Schrank: Versicherungspolicen, Bankauszüge, Fotoalben und Briefe. Wer den Schrank öffnete, kam an alles heran. Heute ist dasselbe Material auf dreissig bis siebzig Online-Konten verteilt, verschlüsselt und hinter Passwörtern, die niemand kennt.
An was muss neben Patientenverfügung und Testament also digital gedacht werden?
Überblick schaffen: Welche digitalen Konten, Geräte, Online-Dienste, Social-Media-Profile, E-Mail-Adressen und Passwörter sowie Multifaktor-Authentifizierungs-Apps werden genutzt? Daraus ein Inventar erstellen.
Die Zugangsdaten in einem Passwortmanager hinterlegen. Darin kann ein Notfallzugriff für Vertrauenspersonen hinterlegt werden.
Den digitalen Nachlass im Testament erwähnen und angeben, wo sich alle Codes befinden, jedoch keine Passwörter nennen.
Damit dieser Artikel nicht gleich verpufft, hier der kleinstmögliche Anfang: Bei Google und Apple (je nach Betriebssystem) einen Nachlasskontakt einrichten. Zweitens wäre ein Kalendereintrag für das Testament und Inventar sinnvoll. Schritt für Schritt.
Darüber sprechen hilft!
Vor allem Todesangst, Verdrängung, Hoffnungsschutz, der Schutz des Gegenübers, eine geringe psychologische Bereitschaft und kulturelle Tabus halten uns davon ab, uns mit unserem Tod auseinanderzusetzen und Vorkehrungen zu treffen. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass genau diese Vermeidung oft sinkt, wenn Gespräche normalisiert, emotional entlastend, sinnorientiert und familiär gut eingebettet stattfinden.
Bis bald!
Jill
Quellen:
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