#50 Generationen und Sicherheit: Was, wenn der schwächste Link nicht Oma ist?
Was Studien wirklich über das Sicherheitsverhalten der Generationen sagen
Bei Security-Awareness-Vorträgen werde ich oft gefragt: „Wie kann ich meine Mutter schützen? Sie ist doch nicht mit dieser digitalen Welt aufgewachsen?“ Die Annahme dahinter ist klar, dass Senioren anfällig sind und Junge den Durchblick haben in Sachen Sicherheit. Mich würde mal interessieren welche Unterschiede da existieren. Sind wir wirklich alle unterschiedlich anfällig?
Ich habe mir die aktuellen Studien angeschaut. Das Bild ist deutlich überraschender, als die meisten denken.
Der Mythos vom Digital Native
Erstmal dazu was Studien sagen. Die Annahme, dass Smartphone-Aufgewachsene Betrug eher erkennen, hält den Daten nicht stand. Eine Yubico-Umfrage vom September 2025 zeigt: 62 % der Gen Z haben im vergangenen Jahr auf Phishing-Links geklickt oder infizierte Anhänge geöffnet. Gleichzeitig sind 75 % überzeugt, noch nie auf Phishing hereingefallen zu sein. Da scheint der Overconfidence Bias zu zuschlagen!
Fun Fact: Das gleiche passiert beim Autofahren:
Auch andere Umfragen sehen solche Ergebnisse. Studien aus den Jahren 2023/2024 zeigen ein anderes, klareres Bild: Die intuitive Annahme, dass Menschen, die mit dem Smartphone aufgewachsen sind, Betrug eher erkennen, wird von mehreren grossen Studien widerlegt.
Aber: Die Effekte sind kleiner, als Schlagzeilen suggerieren
Eine Meta-Analyse zahlreicher Arbeitsstudien zeigt, dass es zwischen den Generationen Babyboomer, Generation X, Millennials und Generation Z nur wenige systematische Unterschiede bei Einstellungen und Verhalten gibt, die meist sehr klein sind. Gängige Stereotypen bei Generationen werden durch die Daten kaum gestützt.
Welche Stereotypen gibt es überhaupt zu den Generationen?
Generationenmodelle sind umstritten und die Jahreszuordnung variiert je nach Quelle um ein bis drei Jahre. Hier eine grobe Übersicht:
Stille Generation
1928–1945
Brief, Festnetz, Radio; Computer kaum bis nie
Hohe Anfälligkeit für Telefonbetrug, Schockanrufe, Enkeltrick
Babyboomer
1946–1964
PC ab mittlerem Erwachsenenalter, Internet ab 30–40
Datenschutzbewusst, akzeptieren Friction wie 2FA, Hauptopfer bei Anlagebetrug, hohe Schadenssummen
Generation X
1965–1980
Erste Computer in Schule/Studium
Pragmatisch, ausgewogen sicherheitsbewusst, nur 13 % umgehen Sicherheitsprotokolle (vs. 46 % Gen Z)
Millennials
1981–1996
Internet als Jugendliche, Smartphone als junge Erwachsene
Hohe Selbstüberschätzung, Bequemlichkeitsfokus
Generation Z
1997–2012
Smartphone und Social Media von klein auf
3× häufiger Opfer als Boomer, hohe Selbstüberschätzung
Generation Alpha
2013–2024
iPad-Sozialisation oft vor dem Sprechen
Noch wenig erforscht: „Tap-without-thinking“-Reflexe.
Boomer sind seltener Opfer, aber es wird teuer
Die Boomer Generation wird zwar seltener Opfer als Gen Z, aber wenn es doch passiert, ist der finanzielle Schaden umso höher. Pro Senectute Schweiz hat 2023 Personen im Alter von über 55 Jahren befragt. Die Ergebnisse sind spannend:
78,2 % wurden innerhalb der letzten fünf Jahre mit einem Betrugsversuch konfrontiert.
Knapp 20 % wurden tatsächlich Opfer.
Geschätzte jährliche Schadenssumme: 675 Millionen Franken, das sind zwei Drittel mehr als noch vor fünf Jahren.
Side Fact: Bei dieser Umfrage wurden nahezu ausgeglichene Zahlen zwischen den Geschlechtern der Betroffenen ermittelt.
Der Grund ist nicht Inkompetenz, sondern strukturell bedingt:
Höheres Vermögen, Renten und Erspartes machen einen attraktiven Zielpunkt aus.
Häufiger soziale Isolation, weniger Sparringspartner für eine Zweitmeinung.
Wenige Routine im Erkennen neuer Betrugsmaschen wie Voice Cloning oder Deepfake-Videocalls.
Eine wichtige Studie lenkt die Diskussion von der Frage nach dem Alter ab: Judges et al. (2017) zeigten bei 60- bis 90-Jährigen, dass kognitive Fähigkeiten wie Sprache, Erinnerung und Aufmerksamkeit signifikant mit der Wahrscheinlichkeit korrelieren, Opfer von Online-Betrug zu werden. Malisa et al. (2025) fanden anhand schwedischer Musterungsdaten einen nahezu linearen Zusammenhang zwischen kognitiven Testergebnissen und späterer Betrugsanfälligkeit.
Die ehrliche Frage ist also nicht „Wie alt bist du?“, sondern „Wie hoch ist deine kognitive Belastung gerade?“. Das Alter spielt also möglicherweise eine geringere Rolle als die Tatsache, wie fit wir im Kopf sind.
Boomer vs. Gen Z im Direktvergleich
Sehen wir uns die wichtigsten Verhaltensmuster doch einmal nebeneinander an:
Phishing und Scams
Gen Z klickt deutlich öfter auf verdächtige Links (62 % vs. 23 % der Boomer).
Gen Z fällt 2–3× häufiger auf Online-Scams herein.
Boomer erkennen klassische Phishing-Mails oft besser.
Passwörter und Basics
Nur rund 30 % der Gen Z ändern Passwörter regelmäßig (vs. 42 % der Boomer).
Gen Z nutzt häufiger dieselben Passwörter und teilt sie öfter.
Boomer haben oft die bessere Passwort-Hygiene.
MFA und moderne Tools
Gen Z adoptiert MFA häufiger (71 % vs. 51 %)
Aber: schnellere, automatische Klicks durch Plattform-Gewohnheit
Selbsteinschätzung
Gen Z fühlt sich sehr sicher und kompetent, überschätzt sich aber.
Boomer sind skeptischer und vorsichtiger.
Boomer unterschätzen dafür neuere Bedrohungen wie KI-Phishing.
Datenschutz!
Eine Statista-Auswertung für den deutschsprachigen Raum zeigt:
Nur 28 % der Gen Z schützen ihre Daten aktiv, während es bei allen anderen Generationen mehr als ein Drittel sind.
Nur 31 % der Gen Z fühlen sich gegen Datenmissbrauch und Viren ausreichend geschützt, während es bei den Boomern rund die Hälfte sind.
Interessant dabei: Die Sorge um Datenmissbrauch ist bei Gen Z genauso hoch wie bei anderen Generationen. Es fehlt also nicht am Bewusstsein, sondern an der Umsetzung.
5 Erklärungen, warum Digital Natives schlechter abschneiden
Ein Reddit-Kommentar bringt es auf den Punkt:
“I don’t think it’s surprising at all. They don’t know a life before the internet and smartphones. They live their entire life through a phone and apps, that probably makes them more trusting/accepting of what they see online because that’s just their entire reality. I also don’t know that I would call them tech savvy… they use technology but I haven’t gotten the impression that they really understand it. They just grew up with knowing how to navigate a UI in a surface level way.” - OneSeaworthiness7768, r/technology
Die Forschung liefert dazu fünf Erklärungsmuster:
Exposition: Wer täglich zehn Stunden online ist, hat einfach mehr Berührungspunkte mit Betrug. Mehr Plattformen, mehr DMs, mehr E-Commerce
Bequemlichkeit schlägt Sicherheit Social-Media-Apps sind auf einfache Anwendung getrimmt, nicht auf Sicherheit
Überschätzung: 75 % der Gen Z halten sich für phishing-resistent, ein Beispiel für falsches Selbstvertrauen
Mangelnde formale Bildung: Cybersicherheit steht in den meisten Schulen nicht systematisch auf dem Lehrplan
Verschobene Angriffsoberfläche: Klassische Phishing-Schulungen, die auf E-Mail-Filtern, Rechtschreibfehlern und Bank-Mails basieren, treffen die Lebensrealität der Gen Z nicht
Wer wird wovon angegriffen? Betrugsmuster nach Generation
Auch wenn es in der Anfälligkeit nur kleine Unterschiede gibt, sind die Angriffsflächen nicht gleichmässig verteilt. Jede Generation hat ihren eigenen Risikomix:
Generation Alpha (2013-2024)
Erste Studien deuten auf Quishing (QR-Code-Phishing) und KI-generierte Inhalte als kritische Vektoren
Cybermobbing / -bullying
Cyber-Grooming
In-Game-Währung und Skins, Roblox, Fortnite
Phishing („Du hast gewonnen!“)
Emotionale Abhängigkeit von Friend-Chatbots
Gen Y/Millennials (1981–1996) & Generation Z (1997–2012)
Onlineshops und Fake-E-Commerce-Plattformen
Spam und Scams in Instagram-DMs
Romance Scams auf TikTok und Instagram
Job-Scams
Social Engineering auf Social Media, Identitätsmissbrauch, Übernahme Accounts, Kontaktlisten ausnützen
Sextortion
Downloads Stealer-Malwares
Phishing & QR-Phishing
Deepfakes und Nudifying-Apps
Gen X (1965–1980)
Anlage- und Investmentbetrug durch gefälschte Krypto- / Aktien-Werbung auf Facebook / Meta
Romance Scams (Pig Butchering): Betrüger bauen Online-Beziehung auf, danach Investment-Empfehlungen
CEO-Betrug, gefälschte Anweisungen vom CEO
Babyboomer (1946–1964) und Stille Generation (vor 1945)
Telefonbetrug, Schockanrufe, Enkeltrick
Support-Scams: Angebliche Microsoft-Mitarbeiter rufen an
Anlagebetrug (zunehmend mit geklonten Stimmen am Telefon)
Was das für uns bedeutet
Zurück zur Ausgangsfrage: „Wie kann ich meine Mutter schützen?”
Vielleicht ist sie nicht das grösste Risiko in der Familie. Die einseitige Sensibilisierung „Wir müssen Oma vor dem Enkeltrick schützen” ist ungefähr so präzise wie ein Wetterbericht für ganz Europa.
Privat können wir einiges dafür tun, uns zu schützen. Uns informieren, mit der Familie ein Codewort vereinbaren (gegen Schockanrufe), uns gegenseitig warnen, digitale Hygiene pflegen (starke Passwörter, zweiter Faktor einrichten, Passwortmanager, Privatsphäre-Einstellungen, usw.).
Reviews und Meta-Analysen sehen die Generationszugehörigkeit am Ende als schwachen Erklärfaktor. Wir alle sind anfällig auf Betrug und für jede Generation gibt es unterschiedliche Angriffe.
Quellen:
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