#49 Wir sind alle süchtig: Von Popcorn Brain bis Doomscrolling
Phänomene, die durch unser Online-Verhalten entstanden sind und unser Gehirn beeinflussen
Kürzlich bat ich einen Kollegen, ein Foto von uns zu machen. Er schaute verwirrt auf mein Handy und wollte es mir mit den Worten „Es ist ja schwarz-weiss eingestellt“ zurückgeben. Auch mein Umfeld belustigt sich manchmal darüber, dass ich noch in einem Schwarz-Weiss-Film lebe. Aber mein Popcorn-Brain dankt es mir wirklich ungemein. Die Schwarz-Weiss-Einstellung auf dem Handy ist nur eine Möglichkeit, dieses Phänomen anzugehen.
In diesem Artikel geht es um Phänomene, die durch unser Online-Verhalten entstanden sind und unser Gehirn beeinflussen.
Was ist Popcorn Brain und finde heraus ob du es hast
Doomscrolling und seine Auswirkungen auf uns
Gibt es Leute, die besonders anfällig sind?
Zudem erfahrt ihr, warum mein Handy auf Schwarz-Weiss eingestellt ist und was wir unserem Gehirn sonst noch Gutes tun können.
Was passiert da eigentlich in unserem Kopf?
Die Diskussionen online drehen sich immer wieder um die gleiche Frage: Was machen Smartphones, Algorithmen und Social Media mit unserem Gehirn? Und die Antworten klingen erstaunlich ähnlich. Egal ob jemand auf Reddit schreibt „Mein Gehirn ist kaputt” oder auf TikTok ein Meme teilt: Wir spüren alle, dass etwas anders geworden ist.
Diese Themen werden am häufigsten diskutiert:
Popcorn Brain beschreibt, wie das Gehirn durch ständige schnelle Reize (z.B. kurze Videos, Benachrichtigungen, unendliches Scrollen) überstimuliert wird. Es „poppt“ von einem Gedanken zum nächsten und man kann sich offline kaum noch konzentrieren. Das reale Leben fühlt sich plötzlich langweilig und langsam an.
Doomscrolling betreiben wir, wenn wir durch negative Nachrichten scrollen, obwohl wir wissen, dass es uns nicht guttut. Evolutionsbedingt sind wir auf Bedrohungen programmiert. Unser Überlebensinstinkt will wissen, was da draussen passiert. Jedes neue Update gibt uns einen kleinen Dopamin-Schub. Angst plus kurze Belohnung ergibt mehr Scrollen und es entsteht ein Suchtkreislauf.
„Brain Rot” ist ein Begriff, der vor allem von der Gen Z verwendet wird. Er beschreibt das Gefühl, dass das Gehirn durch zu viel Short-Form-Content „verrottet“. Die Folgen sind eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne, ein schlechteres Kurzzeitgedächtnis und weniger tiefes Denken. Das ist ziemlich drastisch formuliert. Aber vermutlich kennen viele von uns genau dieses Gefühl.
Was Doomscrolling in unserem Gehirn anrichtet
Unser Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, die ständig miteinander kommunizieren. Diese Kommunikation erfolgt über elektrische Impulse. Feuern viele Nervenzellen gleichzeitig, entsteht ein rhythmisches Muster, das an Wellen im Wasser erinnert. Diese Muster können mit Elektroden auf der Kopfhaut gemessen werden. Je nachdem, was wir gerade tun oder fühlen, verändern sich die Geschwindigkeit und Stärke dieser Wellen:
Schnelle Wellen (Beta und Gamma) bedeuten, dass das Gehirn im Arbeitsmodus ist, aufmerksam und wachsam
Langsame, sanfte Wellen (Alpha) bedeuten: Erholung und Entspannung
Ganz langsame Wellen (Delta) gehören normalerweise in den Tiefschlaf (Tetha = Halbschlaf)
Beim Doomscrolling passiert etwas Ungünstiges und zwar, dass die schnellen Wellen dauerhaft auf Hochtouren laufen. Die Erholungswellen kommen kaum noch durch und nach nur 30 Minuten tauchen Tiefschlafwellen im wachen Gehirn auf. Das ist, als würde ein Muskel mitten im Sprint aufgeben. Das Gehirn ist messbar erschöpft.
Die Auswirkungen dieses erschöpften Gehirns können unter anderem darin bestehen, dass unsere Aufmerksamkeit fragmentiert wird. Eine Studie aus dem Jahr 2025, die im Translational Psychiatry veröffentlicht wurde, fand eine starke Korrelation zwischen langer Bildschirmzeit und physischen Veränderungen in Hirnregionen, die für Fokus und Impulskontrolle zuständig sind. Eine weitere Auswirkung kann sich auf unsere Fähigkeit auswirken, Emotionen zu regulieren. Wenn wir ständig über Negatives nachdenken, kann sich das auf unsere Lebenszufriedenheit, psychische Belastung (Depressionen, Angst), Impulsivität, Sucht und Toleranz für Unsicherheit auswirken.
Wenn du dir nicht sicher bist, ob du unter „Popcorn-Brain“ leidest, mach doch einfach mal ein kleines Experiment. Leg dein Handy in einem anderen Zimmer ab und zähle, wie oft du den Drang verspürst, es dir zu holen. Unangenehm, oder?
Die Auswirkungen auf unseren Alltag
Schlaf und Stimmung: Wenn wir abends zu lange scrollen und Negatives sehen.
Produktivität: „Ich wollte nur 5 Minuten TikTok checken und plötzlich sind 2 Stunden weg.“
Fokus und Kreativität: Popcorn Brain macht es schwer, ein Buch zu lesen, einen langen Text zu schreiben oder einfach nur präsent zu sein.
Wer ist „schuld”?
Zu den Taktiken der Social-Media-Plattformen zählen die Aufmerksamkeitsökonomie und die Fuss-in-der-Tür-Technik. Plattformen verkaufen unsere Aufmerksamkeit an Werbetreibende und nutzen dabei ein Werkzeug, das funktioniert wie in einem Verkaufsgespräch.
Ein guter Verkäufer fragt nicht sofort „Kaufen Sie das für 500 Franken?”. Er fragt: „Darf ich Ihnen das kurz zeigen?” Dann: „Möchten Sie es mal ausprobieren?” „Ist es ein Geschenk oder für Sie selbst?“ Jedes kleine Ja und jede Entscheidung dafür machen das nächste wahrscheinlicher. Das Prinzip dahinter heisst Mikro-Compliance.
Nehmen wir den alltäglichen Check der Instagram App:
Bereits in der ersten Sekunde siehst du den roten Punkt bei den Benachrichtigungen. Drei neue Likes und eine Nachricht. Du klickst darauf. Das ist die erste Mikro-Compliance: Du hast das gemacht, was die App wollte. Dafür gibt es eine Belohnung. Dein Gehirn schüttet einen kleinen Dopamin-Stoss aus. Eine winzige Handlung, die dich kaum etwas kostet und schon bist du abgelenkt. Als Nächstes lädt der Feed.
Du scrollst. Erstes Bild: eine Freundin im Urlaub. Du likest. Mikro-Compliance Nr. 2 und Belohnung: Sie liked dein Bild auch. Beim nächsten Bild startet automatisch ein Reel mit Ton. Du bleibst hängen. Dritte Mikro-Compliance weil du zuschaust und Belohnung, weil es lustig ist. Du scrollst weiter. Vierte. Ein Hundevideo ist süss. Du schickst es jemandem und wirst dafür mit einem Like belohnt.
Pro Minute werden auf einer Plattform wie Instagram oder TikTok ungefähr 10 bis 15 solcher Mikro-Entscheidungen getroffen. Scrollen, Stoppen, weiterscrollen, liken, tippen, wischen. Jede einzelne davon ist so klein, dass sie sich nicht wie eine Entscheidung anfühlt. Aber jede einzelne bindet dich ein Stück mehr.
In einer Stunde sind das 600 bis 900 Mikro-Interaktionen.
600 kleine Ja-Sager. 600 Mal hat dein Gehirn entschieden: „Noch eins!“ statt „Hier stoppe ich!“. Viele dieser Interaktionen haben einen kleinen Dopamin-Kick ausgelöst, der die nächste Aktion wahrscheinlicher macht.
Was ebenfalls hinter unserer Unfähigkeit steckt aufzuhören, ist der Slotmachinen-Effekt.
Ein Spielautomat belohnt nicht bei jedem Hebeldruck. Mal gewinnt man, mal nicht. Aber man weiss nie, wann der nächste Gewinn kommt. Genau diese Unvorhersehbarkeit macht süchtig, weil das Gehirn bei jedem Versuch hofft: „Vielleicht jetzt.”
Social-Media-Feeds funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Nicht jeder Beitrag ist spannend. Aber nach einigen Wischbewegungen erscheint etwas, das uns eine Belohnung verschafft. Das kann etwas besonders Schönes, Aufregendes oder Schockierendes sein oder uns das Gefühl geben, verstanden zu werden. Oder etwas, das wir weitersenden können und dafür eine positive Reaktion von Freunden erhalten.
Und die Algorithmen werden mit KI-Content 2025 und 2026 vermutlich noch besser darin, unsere Aufmerksamkeit auf diese Weise zu hypnotisieren.
Die psychologischen Fallstricke, die uns am Scrollen halten
Negativity Bias: Negative Inhalte ziehen mehr Aufmerksamkeit an
Optimism Bias: Wir scrollen weiter, weil wir hoffen, gleich kommt etwas Tolles
Confirmation Bias: Wir klicken auf Inhalte, die unsere bestehenden Sorgen und Meinungen bestätigen, und die Algorithmen verstärken dies
Anchoring: Die erste Nachricht des Feeds dient als Referenzpunkt, das erste was wir sehen ist sehr bewusst auf unsere Interessen zugeschnitten
FOMO: Die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen und ständig die App aufrufen zu müssen
Diese Biases arbeiten selten allein. Sie verstärken sich gegenseitig und werden von den Algorithmen der Plattformen zusätzlich befeuert. Und genau das macht es so schwer aufzuhören.
Wieso mein Handy schwarz-weiss eingestellt ist
Wir können etwas dagegen tun. Es braucht keine radikalen Veränderungen. Vier einfache Gewohnheiten helfen gegen das Popcorn-Brain.
Physischen Abstand zwischen uns und dem Smartphone schaffen.
Echten Wecker statt Smartphone nutzen
Das Smartphone bei der Arbeit in eine Schublade legen, ausser Sichtweite
Apps, die süchtig machen, nur im Browser aufrufen und nicht in Griffweite haben
Benachrichtigungen deaktivieren
Keine Pushnachrichten
Keine roten Zahlen
Keine E-Mail-Benachrichtigungen aus Apps
Grenzen setzen
Klare Scrollzeiten haben
Auf eine Dauer beschränken, z.B. 20 Minuten pro Tag
Handy nur für Relevantes nutzen (Nachrichten, Anrufe, E-Mails)
Und nicht zuletzt: Man kann zu Graustufen oder ganz in den Schwarz-Weiss-Modus wechseln. Dadurch wird das Scrollen weniger verlockend und die Bildschirmzeit verringert sich tatsächlich.
Die grössere Frage
Bei Kindern und Jugendlichen sind die Sorgen besonders gross. Ab wann wird es problematisch? Wie können wir sie schützen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Eltern, Lehrpersonen und Forschende gleichermassen.
Und dann gibt es die Gegenbewegung. Ich lese und höre immer öfter, dass die jüngere Generation, die gerade erwachsen wird, sich immer mehr interessiert für nostalgische Zeiten. Für echte Bücher, Videokameras, die nicht online gehen und Nostalgisches, wie CD’s und Walkmans. Sie fragen sich wahrscheinlich wie das war ohne Social Media.
Nur weil ich dabei war, würde ich nicht sagen, dass früher alles besser war. Wir mussten uns Telefonnummern auswendig lernen und an Türen klingeln. Wenn jemand nicht am vereinbarten Ort auftauchte, gingen wir wieder nach Hause, nur um dann festzustellen, dass die Person einfach auf der Strasse bei Nummer 89 statt 98 stand und wir uns deshalb nicht gesehen hatten.
Aber eines empfinde ich schon: Es war konzentrierter. Auf das Berührbare, das Nahe, auf das echte Leben. Es war weniger fragmentiert. Wir klicken, scrollen und swipen und das ist menschlich! Unser Gehirn reagiert auf diese Reize, weil es dafür programmiert ist. Wir können jedoch bewusst entscheiden, wie viel „Hitze” unser Popcorn (oder Mais?)-Brain verträgt, bis es poppt.
Was sind eure Strategien? Habt ihr Tricks, die funktionieren?
Bis Bald
Jill
Quellen:
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Dr. Aditi Nerurkar, MD auf Instagram: „Anyone else with Popcorn Brain?🍿🧠👀 #mentalhealth #mentalhealthhelp #stress #burnout #stressrelief #stressmanagement #burnouthelp #burnoutrecovery #steven #diaryofaceo #doac #boundaries #psychology #brain #mind #productivity #hack #latenightthoughts #brainfog #anxiety #anxietyrecovery #doctor #author #5resets #draditi“. (2024, August 24). Instagram. https://www.instagram.com/draditinerurkar/reel/C_DuzU1RIL4/




