#47 Schockierend! Du wirst nicht glauben, was in diesem Artikel steht...
Clickbait, Ragebait & Co.
Wenn ihr aufgrund des Titels auf diesen Artikel geklickt habt, dann herzlichen Glückwunsch! Ihr wisst nun, worum es geht: um Clickbait. Ich wollte euch nicht manipulieren und hoffe, ihr verzeiht mir den Versuch, einen Vorzeigeeffekt zu erzielen.
Habt ihr im vergangenen Dezember auch die letzte Staffel der Netflix-Serie „Stranger Things” geschaut? Für die, die jetzt den Kopf schütteln: Netflix hat die Veröffentlichung der Episoden gestaffelt und unsere Nerven ziemlich auf die Folter gespannt. Bei den einzelnen Episoden war es jeweils fast unmöglich, nicht weiterzuschauen. Um diesen Effekt zu erzeugen, werden Cliffhanger eingesetzt. Der dahinterstehende psychologische Effekt ist ziemlich interessant und ist der selbe wie bei Clickbait.
In richtiger Clickbait-Manier also in diesem Artikel: „Du wirst nicht glauben, was in diesem Artikel steht!“
Wissenschaftler schockiert: Dieser eine Trick verändert dein Gehirn für immer!
Psychologen enthüllen: Warum dieser miese Trick bei jedem Menschen funktioniert.
Sie dachte, sie sei immun gegen Werbung. Dann passierte das Unglaubliche!
Machst du diesen Fehler auch? So entlarvst du die miese Masche sofort!
In diesem Artikel geht es also um Clickbait.
Wer sich darunter nichts vorstellen kann, dem seien Beispiele wie „Die 15 ultimativen Life-Hacks, die du auf keinen Fall verpassen solltest“, „So wirst du reich“ oder „Du wirst nicht glauben …“ genannt. Und ja, auch bei mir haben solche Artikel schon funktioniert.
Ich finde das Thema auch aus psychologischer Sicht äusserst interessant. Denn obwohl man die Titel vielleicht als reisserisch empfindet, funktionieren sie trotzdem! Eine wichtige Rolle spielt dabei das Konzept des „Curiosity Gaps“. Es bleibt also etwas offen. Dadurch wird unsere Neugier geweckt. Weitere Faktoren, die eine Rolle spielen, sind soziale Motive und geweckte Emotionen. Aber fangen wir von vorne an.
Ihr werdet nicht glauben was dahinter steckt!
Der Begriff setzt sich aus den Wörtern „click“ (für die technische Interaktion mit der Computermaus oder dem Touchscreen) und „bait“ (Köder) zusammen. Genau wie beim Phishing, gibt es den Begriff praktisch seit Entstehung des kommerziell verfügbaren Internets. Er wurde erstmals 1999 in einem Magazin erwähnt. Das Konzept gab es allerdings auch schon lange vorher.
Boulevardzeitungen und Marketing arbeiten schon lange nach dem Prinzip „Köder“, bei dem die Konsumenten der Fisch sind, der anbissen soll. Die Wurzeln sind also im Sensationsjournalismus zu finden. Ein Ausdruck für solche Boulevardpresse ist auch „Yellow Journalism“ und das hat etwas mit dem Comic „Yellow Kid“ zu tun. Die Zeitungsverleger des 19. Jahrhunderts kämpften um ihre Leserschaft und merkten, dass Bilder sowie einfache, reisserische und skandalöse Inhalte überaus gut ankamen. So entstand dieser Comic, der auch den Begriff prägte.

Dieser Kampf um die Leserschaft hatte sogar Einfluss auf den Spanisch-Amerikanischer Krieg. Es wird vermutet, dass die Journalisten wichtige Informationen ausgelassen oder verfälscht haben, wodurch Spannungen und Verschwörungen verstärkt wurden. Clickbait in Kombination mit verfälscht dargestellten Informationen scheint also nicht ganz harmlos zu sein. Abgesehen davon, dass die Form nun virtuell ist, gilt also immer noch das gleiche Prinzip.
5 überraschende Merkmale von Clickbait, die du noch nicht kanntest
Aufmerksamkeit erwecken um jeden Preis und Nutzer gezielt dazu zu animieren, auf einen Link zu klicken
So viele Klicks wie möglich zu generieren, ohne einen Wert zu bieten
Der Titel ist vage, enthält gerade genug Informationen um interessant zu sein, verbirgt aber Kerninhalt, dadurch entsteht eine Informationslücke (Curiosity Gap)
Die Inhalte hinter dem Link sind oft minderwertig, formelhaft oder bieten kaum Mehrwert
Die Formulierungen sind bewusst provokant gewählt, um sofortige Reaktion auszulösen
Nach dem Klicken fühlt man sich also ein bisschen manipuliert und es bleibt ein unbefriedigendes Gefühl zurück, weil der Titel viel mehr verspricht, als er hält.
Hier sind einige Beispiele, wie uns Clickbait begegnet:





6 schockierende Dinge, die niemand über die Linguistik des Clickbaits weiss
Beim Clickbait werden bestimmte linguistische Techniken angewendet. Das sind zum Beispiel die folgenden:
„Forward-Referencing“ bezeichnet den Bezug auf eine Information, die erst später folgt
„Er hat es wieder getan.“
„Das ist der Grund, warum...“
„Hier ist, was passierte.“
„Das wird Sie überraschen“
„Sie werden nicht glauben, was dann geschah...“
Superlative wie „unglaublich“, „schockierend“, „herzzerreissend“ oder „das Beste“ erzeugen das Gefühl, dass diese Information relevant ist
Zahlen und Aufzählungen wie „7 Gründe ...“, „10 Dinge über ...“ versprechen Struktur und eine begrenzte kognitive Last, was die Klickrate erhöht
Slang-Wörter wie „WOW“, „OMG“ oder „LOL“ fungieren als emotionale Trigger, sodass wir sofort das Gefühl haben, dass dieser Artikel eine uns nahe und umgängliche Sprache verwendet
Fragen, insbesondere solche, die uns direkt ansprechen, bewirken, dass wir sofort beginnen, eine Antwort zu suchen, z.B. „Übernehmen Roboter bald die Weltherrschaft?“ oder „Wussten Sie schon ...?“
Suspense-Verben wecken unsere Neugier, sodass wir das Geheimnis unbedingt herausfinden wollen („enthüllt“, „entdeckt“)
Wissenschaftler sind erschüttert über diese Effekte in unserem Gehirn
Die Wirksamkeit von Clickbait ist in den neuropsychologischen Prozessen der menschlichen Informationsverarbeitung sowie den damit verbundenen psychologischen Triggern verwurzelt. Wie bereits erwähnt, spielt dabei der Curiosity Gap eine wichtige Rolle.
Auch in meiner Tätigkeit im Bereich Security Awareness nutze ich diesen Effekt sehr häufig. Dabei wird zuerst die Neugier durch eine Frage oder das Aufzeigen einer Wissenslücke geweckt. Wichtig dabei ist, dass diese Lücke anschliessend auch gefüllt wird. Neugier entsteht, wenn eine Lücke zwischen dem aktuellen und dem gewünschten Wissensstand einer Person wahrgenommen wird. Wir erleben eine kognitive Dissonanz. Uns fehlt eine Information. Diese muss aufgelöst werden.
Meisterhaft darin, solche Informationslücken zu konstruieren, sind Clickbait-Headlines, die Andeutungen machen, aber entscheidende Details vorenthalten („Sie werden nicht glauben, was dann geschah!“).
Auch das Belohnungssystem im Gehirn, insbesondere die Ausschüttung von Dopamin, spielt eine Rolle bei der Reaktion auf Clickbait. Dopamin wird nicht erst beim Konsum der Information freigesetzt, sondern bereits in der Phase der Erwartung einer Belohnung. Überschriften, die Unsicherheit, Geheimnisse oder emotionale Erregung versprechen, aktivieren das Dopamin und motivieren zum Klick, um die erwartete Belohnung, also die Auflösung der Neugier, zu erhalten. Dieser Mechanismus kann auch zu Suchtverhalten führen.
Psychologen kennen endlich das Geheimnis zu Clickbait!
Psychologische Mechanismen, die bei Clickbait eine Rolle spielen können:
Der Zeigarnik-Effekt besagt, dass unerledigte oder unterbrochene Aufgaben besser im Gedächtnis bleiben und eine stärkere kognitive Spannung erzeugen als abgeschlossene Aufgaben.
FOMO (Fear of Missing Out): Die Angst, wichtige Informationen, soziale Ereignisse oder Trends zu verpassen, ist im digitalen Zeitalter ein starker Motivator („Das müssen Sie wissen, bevor es zu spät ist!“).
Clickbait kann als eine Form von Superstimuli und als eine Form von „Novelty Seeking“ verstanden werden. Dabei werden übertriebene oder künstlich verstärkte Reize genutzt, um eine stärkere Reaktion hervorzurufen als es bei natürlichen Reizen der Fall wäre. Dies geschieht durch die Verwendung extremer Formulierungen, Schockbildern oder emotional aufgeladener Themen, die unsere Aufmerksamkeit unwiderstehlich anziehen („Amusing Ourselves to Death? Superstimuli and the Evolutionary Social Sciences“).
Ragebait schürt Empörung, damit wir uns involvieren, während Schlagzeilen Angst und Bedrohung wecken („Warum diese neue Steuererhöhung uns alle ruinieren wird – und wer wirklich schuld ist!“).
Social Proof und Herdentrieb: Wenn uns anhand Klickzahlen, Likes und Kommentaren angezeigt wird, wie viele Personen schon mit einem Artikel interagiert haben, kann das Relevanz suggerieren. Wir neigen dazu Inhalten zu vertrauen, die schon von vielen anderen validiert wurden.
Autorität: Bei diesem Persuasionsprinzip spielt es eine grosse Rolle, wer die Nachricht verbreitet. Wir vertrauen Nachrichten eher, wenn sie von Experten, überzeugenden Charakteren oder Personen in führenden Positionen vorgetragen werden („Wissenschaftler sind schockiert …“).
Je nach verwendeten Headlines gesellen sich zu diesen Triggern weitere hinzu. Diese werden verstärkt, wenn Visualisierungen wie rote Pfeile, Kreise und schockierte Gesichtsausdrücke genutzt werden.
Sie wollen nicht, dass du dieses geheime Schema kennst
Oft wird das folgende Schema angewendet, um Clickbait zu erstellen:

Wie bei Clickbait-Überschriften üblich, bleibt der tatsächliche Inhalt des Artikels schliesslich unklar. Doch die Neugier ist geweckt und der emotionale Appell wird die Leser dazu anregen, weiterzuklicken.
Clickbait verändert sich ständig, denn das Ziel besteht darin, eine Täuschung auszulösen, sodass Internetnutzer gar nicht merken, dass es sich darum handelt.
Dieses unglaubliche Ergebnis wirst du nie erraten
Etwa 70 % der Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Clickbait funktioniert und initiale Klicks anzieht. Viele Studien kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass der Inhalt nicht systematisch besser abschneidet als andere Inhalte. Langfristiges Engagement wird nicht gefördert, da das Versprechen nach dem initialen Klick nicht eingelöst wird, was zu einem Vertrauensverlust führt. Wenn Brands also übermässig auf Clickbait setzen würden, dann würde dies ihrem Vertrauen eher Schaden, da wir grundsätzlich reisserische Artikel erkennen, aber manchmal klicken wir halt aus purer Neugier trotzdem.
Die Plattform-Algorithmen von Giganten wie YouTube, Facebook (Meta) und anderen sozialen Netzwerken verstärken den systemischen Druck, Clickbait zu verwenden. Viele Klicks signalisieren dem Algorithmus, dass der Inhalt relevant ist, und er wird öfter ausgespielt. Egal, ob er es tatsächlich ist.
Wie wir aus der Geschichte, beispielsweise dem Spanisch-Amerikanischen Krieg, wissen, können übertriebene und verfälschte Informationen starke Auswirkungen auf das Weltgeschehen haben. Ich glaube nicht, dass dies neu ist, aber Clickbait und Falschinformationen werden zunehmend für politische Zwecke instrumentalisiert.
Wie informiert ihr euch?
Bis bald!
Jill
Die unglaublich schockierend effektiven Referenzen dieses Artikels ;)
10 Clickbait Examples That Works for E-Commerce Conversions. (o. J.). Abgerufen 11. Februar 2026, von https://debutify.com/blog/clickbait-examples
Ferrari, M. A., Limbrick-Oldfield, E. H., & Clark, L. (2022). Behavioral analysis of habit formation in modern slot machine gambling. International Gambling Studies, 22(2), 317–336. https://doi.org/10.1080/14459795.2022.2088822
How Does Clickbait Work? | Psychology Today. (o. J.). Abgerufen 13. Februar 2026, von https://www.psychologytoday.com/us/blog/tech-happy-life/201909/how-does-clickbait-work
(PDF) Amusing Ourselves to Death? Superstimuli and the Evolutionary Social Sciences. (o. J.). ResearchGate. Abgerufen 13. Februar 2026, von https://www.researchgate.net/publication/228299798_Amusing_Ourselves_to_Death_Superstimuli_and_the_Evolutionary_Social_Sciences
(PDF) Click Bait: You Won’t Believe What Happens Next! (2026). ResearchGate. https://www.researchgate.net/publication/311930296_Click_Bait_You_Won't_Believe_What_Happens_Next
Schweitzer, V. M., Gerpott, F. H., Rivkin, W., & Stollberger, J. (2023). (Don’t) mind the gap? Information gaps compound curiosity yet also feed frustration at work. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 178, 104276. https://doi.org/10.1016/j.obhdp.2023.104276
Scott, K. (2021). You won’t believe what’s in this paper! Clickbait, relevance and the curiosity gap. Journal of Pragmatics, 175, 53–66. https://doi.org/10.1016/j.pragma.2020.12.023
The Psychology of the Clickbait and Why People Fall Into This Digital Red Button. (o. J.). John Paul Canonigo. Abgerufen 13. Februar 2026, von http://www.johnpaulcanonigo.com/2026/01/the-psychology-of-clickbait-and-why.html
Wiebe, J. (2014, April 15). Should You Use a Curiosity Gap to Persuade Your Visitors to Click? Messaging Excellence for Innovative Brands. https://copyhackers.com/2014/04/curiosity-gap/



